Nachtblut und das Prädikat „Dark Metal” sind ja ein Thema für sich. Was haltet ihr von dieser Genrebezeichnung für das Gesamtwerk von Nachtblut? Passend? An den Haaren herbeigezogen? Oder irgendwas dazwischen?

Skoll: Ja, das sagen wir doch selber auch?

Askeroth: Ja, lieber Dark Metal als Death Metal. Aber das ist uns eigentlich egal.

Ihr habt auf all euren Alben bisher nicht mit Kritik an religiösen Systemen gespart. Im Gegensatz zu anderen Bands aus dem Metal Bereich habt ihr aber nicht nur das Christentum kritisiert, sondern auch den fundamentalistischen Islam.

Wie erklärt ihr euch, daß andere Bands nur gegen das Christentum wettern und alle anderen Religionen außen vor lassen? Trauen die sich einfach nicht?

Askeroth: Du hast dir die Frage ja selbst beantwortet, daß sie sich nicht trauen und weil eine Band wie wir Eier hat, machen wir’s. Das unterscheidet die klassischen Bands von den richtigen.

Euer Text zur zweiten Wiener Belagerung durch das Osmanische Reich im Stück „Wien 1683″ geht da ja auch in diese Richtung. Ist diese kämpferische Ansage nur eine historische Metapher oder stecken da Parallelen zur heutigen Zeit dahinter? Quasi, um zu sagen: „Bis hierher und nicht weiter!”

Askeroth: Sicher. Also, man muß dazu sagen, auf dem Album „Antik“ haben wir das Lied „Gedenket der Toten“ veröffentlicht, in dem es um Leonidas und Threonin geht, die ja damals den islamischen Vormarsch aufgehalten haben. Das war das erste Mal in der Geschichte, daß so etwas passierte und das zweite Mal war halt vor Wien 1683. Das ist quasi ein „Gedenket der Toten“, Teil zwei. Das Lied hatte ich schon vorher geschrieben und es sollte eigentlich schon lange veröffentlicht werden sollen, daß das jetzt zufällig das Herz der Zeit trifft und gerade ziemlich angesagt ist – wenn man so auf Syrien und den Irak schaut – da kann man das so nehmen, daß man wieder zusammenhalten muß, so wie damals.

Skoll: Es wäre auch wichtig, zu erwähnen, daß wir schon einige Emails von Fans bekommen haben, die uns gerade auch auf das Duett mit Varg angesprochen haben, ob da politische Botschaften dahinter sind. Es wäre also wichtig, darzustellen, daß wir nicht willkürlich jeden über einen Kamm scheren und den Islam an sich stumpf kritisieren, sondern gegen spezifisches wie gerade IS und andere.

Askeroth: Es geht halt wirklich um die islamische Lehre und das, was dort passiert.

Um mal bei „Wien 1683″ zu bleiben: Ihr seid momentan nicht nur mit Varg auf Tour, sondern habt auch Freki von Varg mit auf dem Song, quasi als kleines Duett (was ist denn ein großes Duett? – Herr Achim). Was verbindet eure Bands außerhalb der Musik?

(großes Gelächter)

Askeroth: Wir waren schon mit einigen Bands auf Tour, der wichtige Unterschied ist eigentlich, daß, wenn man vor gewissen anderen Bands spielt, die sich zu schade sind, etwas zu tun, man selbst eine Band zweiter Klasse ist. Hier ist es so: wir haben den gleichen Backstageraum, das gleiche Catering und helfen uns auch gegenseitig beim Ein- und Ausladen der Transporter. Außerdem helfen wir uns bei der Pyrotechnik, es ist ein Geben und Nehmen, was du bei anderen Bands nicht hast.

Trym: Es ist schon ein sehr freundschaftliches Verhältnis, da klappt alles 100%ig.

Euer aktuelles Album, „Chimonas”, ist noch relativ frisch aus dem Presswerk. Wie war das Feedback von Seiten der Fans und der Presse bisher? Gerade heute, in Zeiten sozialer Netzwerke wie Twitter und Facebook, ist es für Künstler möglich, immer sehr nahe am Puls der Fans zu sein.

Greif: Über Facebook, ja.

Skoll: Ja, durchaus positiv, wir haben noch nichts Negatives gehört. Klar sind immer Leute dabei, die sagen, daß ihr Favorit eher ein anderes Album ist (da sie mit diesem eingestiegen sind). Aber man sagt vielleicht auch selbst, daß man früher einen Favoriten hatte und daran festhält.

Askeroth: Da bringt man ein Album raus, wie zum Beispiel „Dogma“, dann gibt es immer Leute, die sagen „das ist total scheiße und das vorherige war besser“. Es gibt eigentlich IMMER Leute, die sagen, daß das vorherige Album besser gewesen wäre.

Greif: Das sind aber dann auch genau die Leute, die sagen, daß, wenn wir einen zweiten Teil rausbringen würden, es genau gleich klänge.

Askeroth: Es haben noch nie so viele Leute gesagt, daß „Chimonas“ das beste Album sei und das Feedback ist überwiegend gut.

Greif: Es ist halt meist so zu Anfang, daß die Leute die ersten Alben schon länger kennen und sich damit voll identifizieren, aber sich in das Neue erstmal reinhören müssen, und das braucht seine Zeit.

Askeroth: Das Album ist auch gewollt und absichtlich nicht mehr auf Mainstream getrimmt worden. Manche Songs haben gar keinen Refrain, die muß man öfter hören, um sie sich einzuprägen und daran Gefallen zu finden. Das ist auch ganz wichtig für die Band, denn sie muß die Lieder ja jahrelang spielen.

Mich würde weiterhin interessieren, was das Wort „Chimonas“ bedeutet. Beim lesen des Textes zum Titelstück und beim betrachten des Covers habe ich den Eindruck gewonnen, daß es irgendwas mit der harschen Jahreszeit des Winters zu tun haben muß.

Askeroth: Ja, das heißt „Winter“.

Seit euren ersten beiden Alben, welche noch komplett in Eigenregie entstanden sind, seid ihr nun seit geraumer Zeit bei Napalm Records. Ist es oft schwer, ein wenig die Zügel abzugeben oder könnt ihr vollkommen autonom an die Aufnahme eines neuen Albums herangehen?

Askeroth: Ja…ich bekomme immer wieder mit, daß Leute einen falschen Eindruck von Plattenfirmen haben, daß sie vor allem auch Einfluß auf das Songwriting haben. Das machen vielleicht Plattenfirmen, aber nicht Napalm Records. Das hatte ich mir mit 15 Jahren auch so vorgestellt, daß man Songs abgibt und die Plattenfirma dann sagt, was sie davon hält. Wir haben das neue Album aufgenommen und die Leute von Napalm Records haben das nicht mal gehört, sondern erst das fertige Album und das war dann auch fix, sie konnten gar nichts mehr daran ändern.

Skoll: Die Plattenfirma ist wie eine Hilfe, jemand, der einen unterstützt. Der Umgang mit ihnen ist sehr locker, das macht auch Spaß. Die haben natürlich auch Ideen und geben Vorschläge ab, über die man diskutieren kann.

In einem Interview hat Askeroth betont, daß Nachtblut ein „Mittelfinger-Projekt” sei und daß man mit den Texten vor allem Salz in die Wunden der Gesellschaft streuen möchte. Lassen wir mal den religiösen Aspekt außen vor, den wir bereits am Anfang des Interviews behandelt haben und sag’ mir doch bitte, was dich an der modernen Welt so ankotzt, daß es dich direkt juckt, einen Text zu verfassen, der die Leute genau da trifft, wo es wehtut?

Askeroth: Also, die Aussage habe ich mal getätigt und halte auch weiter daran fest. Manche Songs sind ja nicht gesellschaftskritisch, sondern politisch oder weltkritisch. Je nachdem, welcher Song gemeint ist.

Trym: Es reicht auch einfach, mal die Augen aufzumachen und zu leben. Da hat man doch genug Kritikpunkte.

Askeroth: Als ich „Eiskönigin“ geschrieben habe, ging es zum Beispiel um die „schwarze Nacht“. Da laufen halt auch Menschen rum, bei denen du siehst, daß sie versuchen, sich hinter etwas zu verstecken. Dann lernst du die Leute näher kennen und merkst, wieviele Probleme sie haben. Dann natürlich auch, wenn es um Zivilcourage geht („Gott sein“), zum Beispiel hier in München (Dominik Brunner) und dann gibt’s natürlich noch das Thema der Euthanasie; ich verstehe nicht, warum man Menschen die Entscheidung wegnimmt, wenn es ums sterben geht („Töte mich“).

Ende August konnte man euch live auf dem „Wolfszeit“ Festival sehen. Ihr habt euch u.a. mit Taake, Ensiferum, Black Messiah, Riger, Shining und Negator die Bühne geteilt. Im Juni wart ihr auf dem WGT in Leipzig und 2013 habt ihr das Wacken Festival beehrt. Das sind alles große Nummern, ohne Frage! Mich interessiert, ob ihr euch auf solchen großen Festivals nach eurem eigenen Auftritt unter das Volk mischt, ein Bierchen trinkt und euch eure Lieblingsbands anschaut oder ob das rein logistisch oder psychisch gar nicht möglich ist. Ich kann mir vorstellen, daß solch große Auftritte immer mit viel Streß und Hektik verbunden sind.

Askeroth: Doch, aber ich persönlich schaue mir keine anderen Bands an. Aber ich gehe auf jeden Fall nach dem Konzert immer noch unter die Leute.

Greif: Kommt immer drauf an, wieviel zu tun ist; wenn es stressig ist, muß man erst die Arbeit erledigen. Aber grundsätzlich gehen wir schon auch noch raus und mischen uns unter die Leute.

Trym: Wenn es die Zeit erlaubt, schau’ ich mir ganz gern noch andere Bands an.

Askeroth: Im Laufe der Zeit knüpft man ja auch Kontakte und es entstehen neue Freundschaften, bei denen man dann weiß, daß in München zum Beispiel der und der hinkommt, und dann geht man halt mit denen noch Backstage und feiert da ein bißchen.

Gleich sind wir am Ende. Ich würde gerne noch ein Spiel mit euch spielen: Darf ich euch bitten, mir fünf Alben zu nennen, welche euch sowohl persönlich als auch als Musiker bei Nachtblut beeinflußt haben. Und danach auch noch fünf Alben, die euch, warum auch immer, maßlos enttäuscht haben?

(großes Gemurmel)

Die Guten:

Greif: Also, eins weiß ich: „Engelskrieger“ von Subway to Sally, deswegen habe ich auch angefangen, richtig Gitarre zu spielen.

Askeroth: Auf jeden Fall „Antichrist Superstar“ von Marilyn Manson, „Sehnsucht“ von Rammstein, „Cruelty and the Beast“ von Cradle of Filth.

Greif: „Declaraton of a Headhunter” von Stuck Mojo und „Reroute to Remain” von In Flames.

Askeroth: „Black Metal ist Krieg“ von Nargaroth.

Trym: In Bezug auf Nachtblut kann ich das gar nicht so sagen, aber in Bezug auf mich persönlich: ziemlich viele Iron Maiden Platten, dann, ich trau’ mich das gar nicht zu sagen, Jamiroquai. Und „Use Your Illusion“ I und II von Guns n´Roses.

Askeroth: „Wundwasser“ von Eisregen und Vivaldi aber ich kenn’ jetzt kein Album von dem.

Die Enttäuschung:

Greif: Die letzte In Flames Scheibe, wenn man In Flames darauf druckt, ist es eine Enttäuschung, wenn nicht, ist das Album in Ordnung.

Einstimmig: Da gab es einige.

Askeroth: Enttäuschung kann man so nicht sagen, weil ich dann ja etwas erwartet haben müßte und das habe ich nicht. Aber an sich würde ich die letzten fünf Alben von Marilyn Manson nennen, ich war früher vor 15 Jahren richtiger Fan.

Trym: Ich habe ihn letztes Jahr auf dem M’era Luna gesehen und bin seitdem Fan.

Vielen Dank für das Konzert und das interessante Interview. Ich gebe euch jetzt die Chance, den Lesern von Cryptic Trails und euren Fans etwas mit auf den Weg zu geben.

Greif: Bleibt euch treu.

Skoll: Kommt zu unserer Headliner Tour im April und Mai 2015, da packen wir noch mal ordentlich was drauf.

Nachtblut

im Auftrag von Cryptic Trails

Klicke hier, um Ihren eigenen Text einzufügen